Die Wissenschaft

Die Wissenschaft steckt noch in den Kinderschuhen, was die Sozialisierung von Hunden betrifft. Als Trainerin habe ich viele Hunde kennengelernt, die in bestimmten Situationen z.B. ängstlich, frustriert, gestresst oder aggressiv reagierten und deshalb habe ich mich schon des Öfteren gefragt:

 

„Was kann Hunden helfen, auf die sich ständig verändernde Welt voller Überraschungen optimal vorbereitet zu sein? Kann man mit gezielten Übungen während der Sozialisierungsphase bestimmtes, häufig auftretendes Problemverhalten verhindern?

Liebe Züchter

 

Dass Welpen während der Sozialisierungsphase (3 - 12 bzw. 14 Wochen) besonders lern- und aufnahmefähig sind, ist bereits seit 1950 (wissenschaftl. Arbeiten von Scott et al.) bekannt. Es wurden Versuche durchgeführt, die zeigten, dass Konfrontationen mit Reizen einen stark prägenden Effekt hatten und wenige Wiederholungen ausreichten, um späteres Verhalten des Welpen diesen Reizen gegenüber positiv (oder auch negativ) zu beeinflussen. Von diesen 9 bzw. 11 Wochen der sensiblen Phase lebt der Welpe die meiste Zeit (in der Regel 8 - 12 Wochen) beim Züchter und nur 0 - 6 Wochen bei der neuen Familie. Das bedeutet, dass Züchter einen großen Beitrag für Lebensvorbereitung leisten können.

 

 

Doch was ist nun die ideale Lebensvorbereitung?

Die Aktionen, die man als Züchter setzt, sollten natürlich an das Können, die Entwicklung und an das mögliche Infektionsrisiko angepasst werden. Zum Beispiel ist es keine gute Idee, einen Wurf mit 4 Wochen alten Welpen mit der Mutterhündin in ein Einkaufszentrum (mit vielen fremden Hunden) zu bringen. Dies wäre wohl ziemlich sicher für die Mutterhündin und für die Welpen eine stressige Angelegenheit - zusätzlich werden sie einem hohen Infektionsrisiko durch Keime ausgesetzt.

 

Dass frühes Präsentieren von neuen Objekten, Untergründen und fremden Menschen einen positiven Effekt auf späteres Verhalten hat, wissen wir inzwischen durch kürzlich durchgeführte Untersuchungen und vielen Erfahrungswerten von guten Züchtern. Welpen, die früh viel berührt und hochgehoben (Menschenkontakt) wurden, bewegen sich freundlicher auf Menschen zu und zeigen weniger Stress im Kontakt. Ähnlich mit neuen Objekten – je mehr neue Objekte Welpen kennenlernen (im positiven Sinne!), desto offener und neutraler gehen sie auf diese zu.

Ich werde weitergehen, an bereits vorhandenem Wissen anknüpfen und Dinge untersuchen, die bisher noch wenig Beachtung fanden und wissenschaftlich noch nie getestet wurden. 

 

"HUCH, WAS IST DAS DENN?"

Es gibt immer wieder Hunde (oft Hütehunde), die in ihrer Junghundephase (4 - 24 Monate) Ängste vor bestimmten Geräuschen oder plötzlichen Überraschungen entwickeln, wie zum Beispiel vor Feuerwerkskörpern, lauten vorbeirauschenden LKWs, Schüssen, Knallern, lauten Stimmen etc.; kann man dem als Züchter tatsächlich entgegenwirken? DAS ist eine Frage, die ich gerne untersuchen möchte. Es wäre doch wunderbar, wenn man durch kurze Übungseinheiten (die nur ein paar Minuten pro Tag in Anspruch nehmen) spätere Ängste vor diesen Reizen vermeiden könnte, oder? Der so genannte Schreckreflex entsteht bei Welpen erstmals im Alter von durchschnittlich 19 Tagen, zu einer Zeit, wo sich Augen und Ohren öffnen.  In den ersten 3 - 7 Wochen zeigen Welpen nach Präsentation von lauten Geräuschen oder Überraschungen keine Angstreaktion, wie man das bei erwachsenen Hunden kennt, sondern es handelt sich dabei mehr um eine reflexartige Reaktion mit sofortiger Entspannung danach (natürlich wie überall: die Dosis macht das Gift!). Unsere Annahme ist es also, dass wir durch wiederholte Präsentationen von neuen, lauten Geräuschen und Objekten diese reflexartige Reaktion plus sofortige Entspannung danach üben. Diese Verhaltensreaktion könnte somit auf neue Geräusche und Überraschungen generalisiert werden – sprich, wird der Hund von einem für ihn unbekanntem Objekt überrascht, welches laute Geräusche von sich gibt, lauscht und beobachtet er zwar, zeigt aber keine Angstreaktion, sondern verhält sich schnell wieder völlig entspannt.

 

"ICH WILL DAS JETZT SOFORT!!!!!!!"

Die Welt, in die wir unsere Hunde setzen, ist voll mit frustrierenden Situationen. Hunde müssen lernen, mit Frust umzugehen, denn Frust ist DER Nährboden schlechthin für aggressives Verhalten. Sich selbst kontrollieren & konzentrieren, selbstständig Lösungen zu finden ist alles andere als einfach, aber wichtig für Individuen zu erlernen. Durch Versuche mit Nagetieren wird angenommen, dass kleine Stress-Erfahrungen in der sensiblen Phase Individuen auf spätere stressige Erlebnisse vorbereiten können. Diese Tiere zeigen sich bei stressigen Erfahrungen im erwachsenen Alter adaptiver und überstehen diese Situationen "besser". Erfährt ein Individuum im frühen Leben nie irgendeine Form von Stress, so ist es naheliegend, dass der Körper im späteren Leben anders auf Stress reagiert, als ein Tier, dessen Körper bereits damit umgehen und bestimmte "Coping-Strategien" gelernt hat.

Es ist also anzunehmen, dass kleine Problemlöseübungen bei Welpen Auswirkungen auf spätere Verhaltensweisen in bestimmten Situationen haben. Möglicherweise bieten sie schneller alternative Strategien an, anstatt unkontrolliert Frust oder Aggression zu zeigen. Denken wir an ein Beispiel: Hundebegegnungen an der Leine - für die meisten Hunde (vor allem Junghunde) ist es sehr frustrierend, wenn man einem anderen Hund begegnet, aber an der Leine hängt und somit kein direkter Kontakt möglich ist. Eine Situation, aus der aus Frust oft die klassische Leinenaggression entsteht. Wurde dieser Hund als Welpe bereits früh mit leichtem und "überwindbarem" Frust bzw. Stress konfrontiert und ihm die Möglichkeit gegeben aus dieser Situation einen alternativen Lösungsweg zu finden, wäre es naheliegend, dass dieser Hund auch später schneller alternatives Verhalten an den Tag legt, anstatt unkontrolliert dem Frust zu verfallen.

Wir werden es herausfinden.

"LASS MICH BITTE NICHT ALLEINE!"

Verlassensängste sind ebenfalls weit verbreitet. Hunde erleben Stress, wenn sie von einer bestimmten Person / mehreren bestimmten Personen getrennt werden. Diese Angst vor dem Verlassen-werden zeichnet sich durch folgende Verhaltensweisen aus: Zerstören, Speicheln, Stubenunreinheit, Rastlosigkeit, Vokalisation und mehr  -   und tritt während oder kurz vor einer Trennung auf. Eine kürzlich durchgeführte Studie zeigte positive, nachhaltige Effekte nach kurzen Trennungsübungen von ihren Wurfgeschwistern. Wir werden uns die Frage ebenfalls stellen und untersuchen, ob es dahingehend positive Lang- & Kurzzeiteffekte gibt. Im Zuge unserer Problemlöseübungen werden wir die Welpen sowieso kurz von den Wurfgeschwistern und der Mutter trennen, daher müssen wir die Kleinen nicht "extra" trennen und die Erfahrung ist auch viel weniger stressig, weil sie nicht komplett alleine sind. Wie überall, natürlich auch hier, besonders wichtig: Der Welpe, der von den Geschwistern & der Mutter getrennt wird, muss sich unbedingt wohl fühlen, entspannt sein und sich neutral verhalten.

Welpen- und Junghundetraining in Wien - hallo@lisastolzlechner.com

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